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Beckenbodengesundheit für Männer – ein oft vergessenes Thema

Auch Männer haben einen Beckenboden. Und auch bei Männern kann er aus dem Gleichgewicht geraten – mit erheblichen Auswirkungen auf Lebensqualität, Sexualität und Kontinenz.

Magdalena Rechberger

April 2026

10 Min. Lesezeit

Beckenboden Mann Blog

Wenn ich Männern erkläre, dass ich mich auf Beckenbodentherapie spezialisiert habe, passiert oft dasselbe: ein kurzes Zögern, ein leichtes Unbehagen, manchmal ein überraschtes „Ach, das gibt es auch für Männer?“ Ja. Es gibt das. Und es ist längst überfällig, dass wir darüber reden.

Der Beckenboden ist kein ausschließlich weibliches Thema. Er ist ein menschliches Thema. Jeder Körper hat einen Beckenboden – und jeder Beckenboden kann Hilfe brauchen. Bei Männern passiert das jedoch aus anderen Gründen, zeigt sich in anderen Beschwerden und bleibt oft viel zu lange unerkannt – weil Männer weniger häufig über Körperbeschwerden sprechen, seltener Hilfe suchen und das Thema gesellschaftlich noch kaum existiert.

Das möchte ich ändern. Zumindest ein kleines bisschen.

1. Der männliche Beckenboden: Anatomie und Besonderheiten

Der Beckenboden des Mannes ist anatomisch dem der Frau sehr ähnlich – aber nicht identisch. Auch hier spricht man von einer mehrschichtigen Muskelgruppe, die quer durch das Becken gespannt ist und Blase, Darm und Prostata stützt.

Die wichtigsten Unterschiede: Beim Mann hat der Beckenboden drei Öffnungen (Harnröhre, Anus und – beim Mann nicht vorhanden: Vagina), und die Prostata liegt direkt über dem Beckenboden. Das macht die Prostata zu einem wichtigen Faktor in der männlichen Beckenbodengesundheit – in beide Richtungen: Eine gesunde Prostata unterstützt den Beckenboden; eine erkrankte oder operierte Prostata kann ihn stark belasten.

Anatomisch liegt beim Mann auch der Damm zwischen Anus und Skrotum – ein Bereich, in dem sich viele Probleme bemerkbar machen können: Druckschmerz, Taubheitsgefühl, Spannungen.

1 : 5

Männer im Verhältnis zu Frauen, die Beckenbodentherapie aufsuchen – die Dunkelziffer ist viel höher

~80%

Männer nach Prostatektomie leiden anfänglich an Inkontinenz – die meisten profitieren massiv von gezielter Therapie

15–20%

Männer sind schätzungsweise von Beckenbodenbeschwerden betroffen – die wenigsten erhalten Therapie

2. Welche Beschwerden können Männer entwickeln?

Die häufigsten Beschwerdebilder, die ich bei Männern in meiner Praxis sehe:

2.1 Inkontinenz nach Prostatektomie

Die Entfernung der Prostata (Prostatektomie) – häufig bei Prostatakarzinom – ist einer der häufigsten Gründe, warum Männer zu mir kommen. Die Operation berührt unweigerlich die umliegenden Strukturen, darunter den Sphinkter (Schließmuskel) und die Beckenbodenmuskulatur. Nahezu alle Männer erleben danach eine Phase der Harninkontinenz – von leichtem Tröpfeln bis zu starkem Urinverlust.

Die gute Nachricht: Mit gezielter Beckenbodentherapie erholen sich die meisten Männer deutlich besser und schneller, als sie es ohne Therapie täten. Wer frühzeitig beginnt – am besten noch vor der Operation – hat die besten Chancen auf eine vollständige oder weitgehende Kontinenz-Wiederherstellung.

2.2 Chronischer Beckenbodenschmerz (CPPS)

Das Chronic Pelvic Pain Syndrome ist ein häufiges, aber wenig bekanntes Krankheitsbild bei Männern. Betroffene klagen über Schmerzen im Dammbereich, in der Leiste, im Unterbauch oder rund um den Anus – ohne dass eine eindeutige organische Ursache gefunden werden kann. Oft wird eine „chronische Prostatitis“ diagnostiziert, obwohl keine Entzündung nachweisbar ist.

In vielen Fällen steckt dahinter ein hypertoner (dauerhaft zu angespannter) Beckenboden. Stress, sitzende Lebensweise, traumatische Erlebnisse oder chronische Fehlhaltungen können zu dieser Überanspannung führen. Die Therapie zielt dann nicht auf Stärkung, sondern auf Entspannung und Regulierung – ein Paradigmenwechsel, der für viele Männer eine Erleuchtung ist.

2.3 Dranginkontinenz und überaktive Blase

Nicht nur Frauen leiden unter plötzlichem, kaum kontrollierbarem Harndrang. Auch bei Männern kann eine überaktive Blase auftreten – und sie wird oft mit anderen urologischen Erkrankungen verwechselt oder einfach ignoriert. Beckenbodentherapie kann hier sehr wirksam sein.

2.4 Erektile Dysfunktion

Das ist das Thema, über das Männer am wenigsten sprechen – und das deswegen am meisten im Verborgenen leidet. Ein Zusammenhang zwischen Beckenbodenmuskulatur und Erektion ist anatomisch klar: Die Schwellkörper des Penis werden unter anderem durch Beckenbodenmuskeln gehalten und durchblutet. Ein dysfunktionaler Beckenboden – ob zu schwach oder zu verspannt – kann zur erektilen Dysfunktion beitragen.

Studien zeigen, dass gezieltes Beckenbodentraining bei Männern mit erektiler Dysfunktion wirksamer sein kann als Medikamente – in Kombination noch wirksamer.

2.5 Ejakulationsprobleme

Vorzeitiger Samenerguss (Ejaculatio praecox) hat oft eine muskuläre Komponente. Bestimmte Beckenbodenmuskeln spielen eine direkte Rolle bei der Ejakulation – und gezieltes Training kann helfen, mehr Kontrolle zu gewinnen.

2.6 Schmerzen nach Hämorrhoidenoperationen

Eingriffe im Analbereich hinterlassen Narben, die die umliegende Muskulatur und Faszien beeinflussen können. Narbenmobilisation und Beckenbodentherapie können hier die Erholung deutlich beschleunigen und Langzeitbeschwerden reduzieren.

„Männer, die Hilfe suchen, sind nicht schwach. Sie sind klug. Sie haben entschieden, dass ihre Lebensqualität es wert ist."

3. Vor und nach der Prostatektomie: Was kann Therapie leisten?

Ich möchte diesen Punkt besonders betonen, weil er so viele Männer betrifft – und weil so viele von ihnen gar nicht wissen, dass es Therapiemöglichkeiten gibt.

Vor der Operation (Prähabilitation)

Wer vor einer Prostatektomie gezielt seinen Beckenboden trainiert, ist danach deutlich besser aufgestellt. Die Muskulatur ist konditioniert, der Patient weiß, wie er seinen Beckenboden bewusst an- und entspannen kann – das ist nach der Operation Gold wert. Idealerweise beginnt die Beckenbodentherapie vier bis sechs Wochen vor dem Eingriff.

Nach der Operation (Rehabilitation)

In den ersten Wochen nach der Prostatektomie ist der Beckenboden durch das operative Trauma, die Katheteranlage und die veränderten anatomischen Verhältnisse stark beeinträchtigt. Gezielte Beckenbodentherapie – angepasst an die Heilungsphase – kann die Kontinenzwiederherstellung deutlich beschleunigen und die Lebensqualität rasch verbessern.

Mein Angebot für Männer nach Prostata-OP

Ich begleite Männer vor und nach Prostataoperationen mit einer individuell angepassten Beckenbodentherapie. Kein Thema ist dabei tabu – wir sprechen offen über Kontinenz, Sexualität und alles, was dich beschäftigt. Melde dich gerne für ein Erstgespräch.

4. Warum ist das noch immer ein Tabuthema?

Ich habe darüber oft nachgedacht. Ich glaube, es gibt mehrere Gründe.

Erstens: Beckenbodentherapie wird historisch mit Schwangerschaft und Geburt assoziiert – also mit etwas, das als ausschließlich weiblich gilt. Diese Assoziation ist hartnäckig.

Zweitens: Die betroffenen Beschwerden – Inkontinenz, Schmerzen beim Sex, Erektionsprobleme – berühren Bereiche, die mit Männlichkeit und Scham verbunden sind. Viele Männer erleben solche Beschwerden als Versagen – nicht als Gesundheitsproblem, für das es Lösungen gibt.

Drittens: Es gibt schlicht zu wenig Aufklärung. Männer werden nach Prostataoperationen nicht automatisch zur Beckenbodentherapie überwiesen. Urologen erwähnen die Möglichkeit oft nicht. Das muss sich ändern.

An alle Männer, die gerade lesen: Wenn du dich in irgendetwas aus diesem Artikel wiedererkennt – dann ist das kein Zufall. Und es ist kein Grund zur Scham. Es ist ein Grund, dir Hilfe zu holen. Ich verspreche dir: In meiner Praxis wirst du dich sicher und respektiert fühlen.

5. Wie sieht die Therapie bei Männern aus?

Genau wie bei Frauen beginnen wir mit einem ausführlichen Gespräch. Ich möchte deine Geschichte verstehen: Was beschäftigt dich? Seit wann? Was hast du bisher versucht? Was erhoffst du dir?

Dann folgt eine Befundaufnahme. Äußerlich werden Haltung, Atemverhalten und Beckenstellung beurteilt. Bei Bedarf – und immer nur mit deiner ausdrücklichen Zustimmung – ist auch eine interne Befundung (anal) möglich, die Informationen über Tonus und Funktion der Beckenbodenmuskulatur liefert.

Die Therapie umfasst je nach Befund:

  • Gezieltes Beckenbodentraining (Aktivierung und/oder Entspannung)
  • Manuelle Techniken zur Muskelnormalisierung
  • Atemarbeit (Zwerchfell und Beckenboden sind direkt verbunden)
  • Narbenmobilisation nach Operationen
  • Osteopathische Behandlung des Beckens und der umgebenden Strukturen
  • Biofeedback (wenn verfügbar und sinnvoll)
  • Edukation: Du verstehst, was mit deinem Körper passiert – und was du selbst tun kannst

6. Mein Appell

Ich schreibe diesen Artikel, weil ich jeden Tag sehe, was möglich ist – wenn Menschen Hilfe in Anspruch nehmen. Ich sehe Männer, die nach einer Prostataoperation wieder ohne Einlagen auskommen. Männer, die ihren chronischen Beckenbodenschmerz nach Jahren endlich überwinden. Männer, die sich wieder wie sie selbst fühlen.

Und ich sehe, wie viel Überwindung es oft kostet, den ersten Schritt zu machen. Deshalb sage ich dir klar: Dieser Schritt ist es wert. Du bist es wert.

Dein Körper hat kein Geschlecht, wenn es um Gesundheit geht. Er braucht Aufmerksamkeit, Pflege und manchmal professionelle Unterstützung – egal, ob du eine Frau, ein Mann oder non-binär bist. In meiner Praxis ist jeder willkommen.

Magdalena Rechberger

Osteopathin & Physiotherapeutin in Wien. Spezialisiert auf Beckenbodengesundheit – für Frauen und Männer.

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